Klaus Morgenstern via Posterlounge.de

© Klaus Morgenstern via Posterlounge.de

Das Schweigen der Liebe – Martin Parrs ‚Bored Couples’

Ein beliebiger Abend in der Lieblingsbar. Man sitzt da mit Freunden, lacht und unterhält sich, und dann fällt der Blick auf den Nebentisch. Ein junges Pärchen unterhält sich eingehend, sie hängt an seinen Lippen. Beide lachen leise, die gerade wachsende Vertrautheit ist förmlich zu spüren. Seine Hand berührt ihre, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, und alles, was sie sich zu erzählen haben, scheint extrem wichtig zu sein.

© Martin Parr/Magnum Photos

 

Heute Abend werden sicherlich viele dieser Paare in den Bistros, Pizzerien und Restaurants  des Landes sitzen und den offiziellen Tag der Verliebten feiern. Letztlich feiern sie ja sich selbst, einen besseren Anlass gibt es wohl nicht. Die Paare, die sich schon länger kennen, länger zusammenwohnen, womöglich Kinder haben, stechen aber in einer solchen Lokalität ebenfalls hervor. Zu erkennen sind sie beispielsweise  daran, dass ‚sie’ vielbeschäftigt unbedingt noch schnell die eine Mail von ihrem Smartphone verschicken muss, vielleicht muss sie auch noch X.Y. anrufen, während des Tages war einfach keine Zeit. Er blättert derweil in der Speisekarte oder einer Zeitschrift, die die ‚Lokalität’ für solche oder andere Fälle zur Verfügung stellt. Oder er blickt gelangweilt in der Gegend herum. Solche Szenerien sind nicht selten, und leicht erkennt man sich selbst darin wieder. Nach einer gewissen Zeit, man sagt, nach zwei Jahren des Zusammenlebens oder nach den zweiten Kind, kommt nach dem Abenteuer der Liebe die Langeweile, der Alltag.

 

© Martin Parr/Magnum Photos

Das scheint auch Martin Parr klar gewesen zu sein, als er  vor Jahren anfing, gelangweilt aussehende Paare fotografisch festzuhalten. Schonungslos lichtete er Männer und Frauen ab, die sich scheinbar nichts mehr zu sagen haben, die mit ausdruckslosen Gesichtern umherblicken, sich anschweigen. Selbstverständlich weiß und wusste der britische Fotograf nicht, ob diese Paare gerade wirklich gelangweilt waren. Nur der Anschein war das Motiv des Briten, der 1993 jene Fotoserie auch als Fotoband herausbrachte. Dabei ließ Parr völlig außer acht, ob dieser eine Augenblick eben nur ein Moment war oder die gesamte Beziehung widerspiegelt.  Selbstverständlich ist auch klar, dass die anfängliche Turtelphase nicht ewig anhalten kann. Wäre sicher auch nicht auszuhalten. Auch wenn den Langzeitpaaren oft das spontane Kribbeln des Anfangs fehlt, wissen sie auch meist das, was das Kribbeln abgelöst hat, zu schätzen: die Intimität, das blinde Vertrauen, das aber nur mit der Zeit und dem sich Wirklich-Gut-Kennen, kommen kann.

 

© Martin Parr/Magnum Photos

Martin Parr hat auch sich und seine Partnerin für die Serie abgelichtet. Er liebt das Ungewöhnliche, auch seine Perspektiven und Farben zeigen dies. Immer wieder sind seine Themen Freizeit, Genuss & Verbrauch und eben Kommunikation im weitesten Sinne. Parr setzt sich mit nationalen Charakteren und internationalen Phänomenen auseinander, er kreiert sein eigenes Gesellschaftsbild. Der Künstler, der 1952 geboren wurde, studierte Fotografie und startete seine Karriere mit Mode- und Werbefotos. Seit 2004 hält er eine Professorenschaft an der University of Wales im Bereich der Fotografie. Parr, der mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde, hat bisher über 70 Bücher veröffentlicht und dazu 30 andere als Herausgeber betreut. Seit 1974 veranstaltet er erfolgreich regelmäßige Ausstellungen seiner Fotoprojekte, oftmals bis zu fünf im Jahr weltweit. Parr wird mittlerweile als Großbritanniens einflussreichster Fotograf gehandelt. Britische Strandurlaubsszenen gehören ebenso zu seinem Schaffen wie der klassische Alltag. Treibhauseffekt, Massentourismus, Nachhaltigkeit werden von ihm beleuchtet, und das immer mit Ironie und Humor.

 

© Martin Parr/Magnum Photos

 

Das Fotogen habe er von seinem Großvater geerbt, der ihm seine erste Kamera schenkt. Parr wusste sofort, dass es das ist, was er machen wollte. Besonders reizte ihn die Perspektive, die er als essentiell betrachtet und schon damals der Antrieb für ihn war. Mit seiner Fotografie löste Parr schon die heftigsten Kontroversen aus. Beispielsweise, als es darum ging, bei Magnum aufgenommen zu werden, wo sich alle „Großen“ versammelten und noch versammeln – Henri Cartier-Bresson war gegen ihn, die Abstimmung dauerte sechs Jahre. Parr schafft die Aufnahme mit knapper Mehrheit. Was ihn reizt, tun andere als Lappalie ab: Der Supermarkt um die Ecke, die Erste Welt und nicht die Dritte.

 

© Martin Parr

 

Ein Fotograf, der durch seine Bilder spricht.

PS: Manchmal gibt es mehr romantische Momente im Leben als man glaubt. Die kleinen Gesten zählen. Deshalb gerade heute – einfach `mal wieder die Frühstücksbrote des anderen herrichten, das Auto waschen und die Windschutzscheibe per Post It mit einem Herz versehen oder in der Jackentasche des anderen ein Zettelchen mit „Ich freu mich auf Dich!“ verstecken. Dann erhält jeder Tag einen Valentinsbonus, auch wenn die Langeweile doch einmal zuschlägt.

Schönen Valentinstag!

 

 

 

Prinz Saint, Claudia Böttcher, Marcel Wallace gefällt dieser Artikel

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