Pol Ubeda Hervas via flickr.com

© Pol Ubeda Hervas via flickr.com

Die unsichtbare Kraft der Schuhe – Porträts von Alltagsgegenständen

Schon als kleines Mädchen war für mich der Schuhkauf ein Event. Ganz aufgeregt zog ich mit Mama los, um in den einzigen Schuhladen in der Kleinstadt auf „unserer“ Elbseite ein hübsches Paar zu erstehen. Und wie stolz und glücklich ich die neuen Schmuckstücke dann in der Hand hielt! Naja, meist behielt ich sie gleich an. Und welches Mädchen hat nicht vor dem Spiegel zuhause die Pumps und High Heels der Mutter anprobiert, ist damit auf und ab stolziert und hat geträumt, schon so groß und so schön wie die eigene Mutter zu sein?

© Martin Mlecko via zeit.de

 

Schon Oma predigte es immer wieder – an den Schuhen erkennt man den Charakter eines Menschen. Pflegt er sein Schuhwerk? Geht er sorgsam mit ihm um? Worauf legt der Schuhträger überhaupt wert? Schuhe sind Modeartikel und Statement zugleich. Chucks stehen für den Hipster in uns, jung, konventionslos und stylisch, genau wie aber auch sportlich, bequem und praktisch. Chucks stehen für ein Lebensgefühl – es heiraten sogar Paare in ihren Converse-Lieblingen! High Heels können vieles aussagen – die hochwertige Variante gilt als schick, die schlecht oder billig verarbeitete spricht sicherlich ganz allein für sich. Und die ausgelatschten Treter erzählen eine ganz eigene Geschichte, ist man mit ihnen schon um die Welt gelaufen.

 

© Martin Mlecko via zeit.de

Alltagsgegenstände bereichern immer mehr die Kunst.
In der Fotoserie des Künstlers Martin Mlecko stehen neben Schuhen die Dinge des Lebens, wie auch die Serie heißt, im Mittelpunkt. Da ist der Stuhl, auf dem man täglich die meiste Zeit verbringt oder die Riemchensandalen, in denen die erste Begegnung stattfand, Thema.
Besonderes Leben wird den Bildern durch ihre Bildunterschriften eingehaucht, die die Geschichte der Gegenstände und die Botschaft des Fotos deutlich machen. Und Schuhe kehren darin immer wieder.

Selbstverständlich, verbringen wir doch in ihnen den ganzen Tag, sind sie doch unsere eigentlicher Begleiter des Lebens. Mit ihnen erlebt man den Arbeitsalltag, das erste Date, selbst die eigene Hochzeit.

 

 

© Pol Úbeda Hervàs via english.mashkulture.net

Wie man sich selbst unsichtbar macht, kann man bei dem katalanischen Fotograf Pol Úbeda Hervàs sehen, der als „invisible man“ sich selbst als Schatten ablichtet, aber seine Schuhe als einziges persönliches Accessoire zeigt. Die Serie, die er so entstehen ließ, spiegelt seine Gefühle, seinen inneren Seelenzustand wider, der durch Veränderungen in seinem Leben in Aufruhr gekommen war.

 

„The shoes remain only to make sure there is something more than a shadow.“

 

 

I`m not there ist eine fortlaufende Serie von Porträts des Fotografen, die ihn vor allem so zeigt, wie er sich gerade fühlt. Dabei war es für Hervàs keine bewusste Entscheidung, seine Schuhe als reales Objekt erscheinen zu lassen, was es umso interessanter macht. Denn Schuhe sind quasi einer der Spiegel unserer Seele, das Aushängeschild unserer Gefühle. Eine Studie der University of Kansas belegt dies noch.

© Pol Úbeda Hervàs via english.mashkulture.net

 

Psychologische Tests haben dabei ergeben, dass der Stil, die Verarbeitung, die Farbe und der Zustand unseres Schuhwerks Aufschluss über unsere Gefühlswelt, aber auch über die politische und persönliche Welt geben. 63 Studenten wurden die verschiedensten Aufnahmen von Schuhen gezeigt, über die sie auf deren Besitzer schließen mussten. Und sie lagen richtig. Nur von den bloßen Schuhen konnte geschlussfolgert werden, welches Geschlecht, Alter und welchen sozialen Status der Schuhträger hat. Außerdem wird aus dem Schuhwerk deutlich, ob der Besitzer der Schuhe intro- oder extrovertiert, liberal oder konservativ ist, wie offen er auf seine Mitmenschen zugehen kann und wie emotional stabil er ist.

© Pol Úbeda Hervàs via flickr.com

 

Das Experiment, das Hervàs also betreibt, ist gleich doppelt bemerkenswert. Zum einen in seinem künstlerischem Aspekt und in der Kreation von wunderbaren Alltagsszenerien. Er verschwindet, als Erinnerung an einen realen Menschen bleiben seine Schuhe. Und der Winkel, aus dem das Foto aufgenommen wurde, bleibt ein Rätsel. Das andere bemerkenswerte Detail liegt in der psychologischen Betrachtungsweise, zumal die Darstellung von sich selbst als Schatten auch Bände zu sprechen scheint. Seine abgebildeten Turnschuhe scheinen weit gereist zu sein, und die Flip Flops zeugen von Liberalität.

Es wird also Zeit auf die eigenen Schuhe zu achten…

 

Karl-Heinz Lüpke gefällt dieser Artikel

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