William Gedney

© William Gedney

Ein Amerika voller Monster – die Retrospektive Diane Arbus in Berlin

© The Estate of Diane Arbus

Noch nie hat es eine Retrospektive der Amerikanerin in Berlin gegeben, obwohl sie kurz vor ihrem Tod 1971 in Berlin war, sogar an der Mauer und im Brecht Theater, im Osten der Stadt. Hier entstand das berühmte Porträt von Helene Weigel, die nach oben in die Ferne auf dem Foto blickt und nur wenige Monate später selbst stirbt.

© The Estate of Diane Arbus

 

 

 

 

 

Diane Arbus’ Besessenheit für das Eigenartige und für das Außenseiterische durchzieht sich durch ihr fotografisches Werk wie ihre schockierende Unverfälschtheit. Damit produzierte sie abstoßende Exotik und Zeitkommentare, die erschreckender nicht hätten sein können. Ihr Bild von dem kleinen Jungen in New York mit der Handgranate ging schon 1962 um die Welt, wurde mit Kommentaren, wie „Ist doch nur ein Spiel.“ abgetan und fing damit den Puls der Zeit des Nicht-Wahrhaben-Wollens und der Beschönigung von Fakten ein.

© The Estate of Diane Arbus

Diane Arbus (1923 – 1971) zeigte ihr Land in all seinen Facetten, die Prüderie, Feindseligkeiten, Rassenunruhen, Kriegsstimmungen und sogar die sexuelle Befreiung durch die Pille. Anfangs benutzte sie dafür eine 35-Millimeter-Kamera, mit der sie grobkörnige Aufnahmen sogar in der Mode machte. Später kam die Rolleiflex ins Spiel, die gestochen scharf den amerikanischen Alptraum festhielt. Arbus fotografierte in Altenheimen, Irrenanstalten und letztlich jeden Außenseiter, der ihr des Weges kam und hielt so gegen die Glimmerwelt des Vorzeige-Amerikas. Arbus war Widerständlerin. Das Tatsächliche zu erfassen und der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, war ihr Ziel.

There’s a quality of legend about freaks. Like a person in a fairy tale who stops you and demands that you answer a riddle. Most people go through life dreading they’ll have a traumatic experience. Freaks were born with their trauma. They’ve already passed their test in life. They’re aristocrats.

Diane Arbus

© The Estate of Diane Arbus

Ihr rätselhafter Tod einer Schlafmittelüberdosis brachte letztlich ihre Bilder nur ein Jahr danach in das Museum of Modern Art, auch wenn dort dauernd die Glasscheiben der Rahmen vom Rotz der Besucher befreit werden mussten – zu groß war die Entrüstung darüber, welches Amerika sie sahen. Heute ist sie ein Liebling des Kunstmarktes, ihre Abzüge sind gut 250.000,- Dollar wert.

Und heute wird sie in einer großen Retrospektive in Berlin gefeiert, nicht nach Jahren oder Themen geordnet, sondern so wie ihre Arbeiten sind: perfekt, ehrgeizig, kühn und anders.

 

 

Diane Arbus Retrospektive, Martin Gropius Bau, Berlin

noch bis zum 23.September 2012

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