The Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

© The Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

Lotte Jacobi: Fotografien dokumentarischer Qualität mit künstlerischem Wert

Effekthascherei war nicht ihr Stil, ihre vielbeschriebene sanfte Nachdrücklichkeit vielmehr. Die Fotografin Lotte Jacobi verzichtete auf hohe Dramatik in ihren Bildern und setzte den Stil der Person, die vor ihrer Linse saß, in den Vordergrund. So entstanden die außergewöhnlichsten Porträts und eben „andere“ Fotografien, nicht das Typische und zu Erwartende, gerade wenn man ihre Fotografien in den gesellschaftlichen Konsens der 20iger und 30iger Jahre einbettet.

© The Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

 

Jacobi mauserte sich rasch zur Star-Porträtistin, sie hatte alle bemerkenswerten Persönlichkeiten ihrer Zeit vor der Linse: Kurt Weill, Käthe Kollwitz, Albert Einstein, Eleanor Roosevelt. Ihre Fotografien waren anders, fast nicht angemessen für die Zeit, da sie keinerlei Konventionen beachtete. Oder wer wäre gerade in dieser Zeit auf die Idee gekommen, Albert Einstein leger in Lederjacke abzulichten oder eine First Lady, wie Eleanor Roosevelt, mit einem Lächeln in fast gelöster Stimmung als Fotografie festzuhalten, wobei die Form für derartige Porträts doch eine ernsthaftere sein sollte?

 

© Wienand Verlag

 

Jacobi wurde ihr Talent sozusagen mit ins Blut gegeben, sie war die vierte Generation von Fotografen ihrer Familie.

Sie wurde 1896 geboren, eröffnete schon in jungen Jahren ihr Atelier in Berlin und belieferte Verlage mit außergewöhnlichen Aufnahmen.

Sehr bekannt ist beispielsweise das Bild mit dem eindringlichen Blick der Lotte Lenya von 1928, das in einer Pressekonferenzpause zu Brechts Dreigroschenoper entstand. Lotte Lenya wirkte als Schauspielerin darin mit und wurde kurz darauf als Seeräuber-Jenny weltberühmt.

Dies ist übrigens auch das Cover des im Wienand Verlag erschienenen Bildbands über Lotte Jacobi, ein umfassende Abbildung ihres Werks. Sehr empfehlenswert!

 

 

© The Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

 

Als Jüdin wurden ihre fotografischen Bewegungsmöglichkeiten ab den 30iger Jahren stark eingeschränkt. Bis 1935 hielt sie durch, dann emigrierte sie nach New York. In Manhattan hatte sie ihr erstes Studio, bis sie nach New Hampshire zog. Anfangs hatte die talentierte Frau jedoch in New York Schwierigkeiten, ihre Kunst wurde nicht verstanden. Sie hielt sich deshalb mit Hochzeitsfotografie über Wasser, bis sie auch künstlerisch in Amerika Fuß fasste. Interessant in diesem Zusammenhang sind sicher auch ihre Experimente ohne Kamera. Sie produzierte abstrakte Schwarz/Weißbilder auf lichtempfindlichem Papier mit einer Kerze oder einem anderen Licht.

 

© The Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

 

Jacobis Geheimrezept des Fotografierens war wohl, ihrem Instinkt zu folgen. Sie fühlte den richtigen Moment des Auslösens einfach, konnte ihren eigenen Stil meisterhaft zurückstellen und sich ganz auf ihr Motiv einlassen und dabei alle Technik, die sie wohl sowieso verinnerlicht hatte, vergessen. Dabei arbeitete sie mit lichtstarken Objektiven und erreichte allein mit Handwerk, ihrem Gespür und ganz ohne Bildbearbeitung, nur per analoger Fotografie eine Aufnahme des einen einzigartigen Moments, der aber ganz zum Spiegel des Motivs wurde – ein Porträt des ganzen Menschen, seiner Persönlichkeit, nicht nur eines Gesichts.

 

© The Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

 

 

 

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