Ali Mitgutsch

© Ali Mitgutsch

Ali Mitgutschs Wimmelbücher: Das Guckloch in eine eigene kleine Welt

Man schlägt die Wimmelbücher auf und weiß als Erwachsener zuerst einmal nicht, wohin man zuerst schauen soll – es wimmelt nur so von tobenden Kindern auf grünen Wiesen, flatternden Drachen im Wind, bellenden und herumtollenden Hunden oder kleinen Papierbooten auf dem See. Die sogenannten Wimmelbücher sind bekannt dafür, dass es viel zu entdecken gibt: Viele kleine Alltagsszenen sind auf einer Doppelseite aneinandergereiht, ganz ohne Text, ohne Beschreibung, ohne Reime. Die Bilder erzählen die Geschichten selbst und erfreuen sich der größten Beliebtheit bei Kindern. Auch ich kann das nur bestätigen, schließlich will meine kleine Sonne jeden Abend mit den Kindern auf dem Bild die Wasserrutsche hinunter schlittern und im großen Badebecken planschen.

© Ali Mitgutsch via weltbild.de

 

Als Ali Mitgutsch Anfang der 60iger Jahre anfing, die mittlerweile berühmten Bücher zu kreieren, geriet er schnell in die Kritik von diversen Pädagogen. Zu viel werde dort abgebildet, eine wahre Reizüberflutung sei ein solches Buch für ein Kind, das eh das Interesse schnell verliere und den Inhalt gar nicht wahrnehmen könne. Zugegeben, genau das dachte ich auch, als ich zum ersten Mal ein solches Buch in den Händen hielt. Doch letztlich passierte genau das, was auch im Alltag jeden Tag passiert. Ich sehe die kommende Straßenbahn, die vorbeirollenden Autos, die herumtollenden Kinder auf dem Spielplatz – und mein Kind sieht den viel weiter entfernten Hund und den schier unsichtbaren Puppenwagen, der hinter dem Baum gut versteckt geparkt wurde. Unsichtbar für Erwachsene, scheinbar ein Blickfang für Kinderaugen.

 

© Ali Mitgutsch via sueddeutsche.com

Kinder picken genau die Dinge heraus, die sie als am bedeutungsvollsten erachten. Heute ist es die Situation an der Wasserrutsche im Wimmelbuch, morgen sind es die Wasserball spielenden Kinder und nächste Woche vielleicht die Schneeballschlacht auf der nächsten Seite unten links. Genau dies ist auch das Besondere an Mitgutschs Büchern- sie erzählen sich selbst und das jeden Tag anders, so wie es das Kind eben weiter“spinnt“. Das Buch wird nie leer. Jeden Tag kann man über Wochen oder Monate genau das eine Buch zur Hand nehmen, und nie wird es langweilig. Grandios.

 

„Mir geht es darum, keine heile Welt zu zeichnen – aber eine heilbare, in der es immer die Möglichkeit gibt, dass sich alles Zum Guten wendet.“

Ali Mitgutsch in einem Interview mit Der Freitag

© Ali Mitgutsch via bilder.buecher.de

Ali Mitgutsch zeichnet aus der Kavaliersperspektive, so als säße man auf einem Pferd und beobachte das Geschehen. Er selbst bezeichnet den Blickwinkel als demokratisch – alle Protagonisten erscheinen dadurch gleich groß, keiner ist besser oder schlechter. Auch dadurch erreicht er die Offenheit der Bücher und das Gefühl, etwas selbst gestalten zu können, was für Kinder immens wichtig ist. Mitgutsch hat selbst drei Kinder großgezogen und weiß durch seine eigene Kindheit, die sehr schwer war, was sich Kinder wünschen und wie sie denken. Der heute 77 jährige Illustrator, Grafiker und Maler hat es sich zum Ziel gesetzt, die Wissbegierde der Kinder zu stillen.

„Auch die Kleinsten wollen ernstgenommen werden (…) Deshalb male ich immer aus den Augen eines gewesenen Kindes.“

 

1935 in München geboren, wurde er, wenn er von draußen schmutzig und eher an einen kleinen Räuber erinnernd vom Spielen kam, von seiner Mutter Ali Baba genannt. So wurde aus Alfons schnell der Spitzname Ali. Mehr als 70 Bücher hat der Künstler, der mit 14 Jahren zum Lithografen ausgebildet wurde, daraufhin in München an der graphischen Akademie studierte und dann als freier Graphiker zuerst eher beschwerlich seinen Lebensunterhalt bestritt, mittlerweile erschaffen, die insgesamt über acht Millionen Mal verkauft worden. Mehrmals wurde er für seine Buchkunst ausgezeichnet.

© Ali Mitgutsch via sueddeutsche.de

 

Für Mitgutsch sind Bücher nach wie vor der Ersatz für (seine) Tagträume, in der er sich als Kind meist flüchtete. Zuerst war er mit seiner Familie immer auf der Flucht vor dem Krieg, lebte dann in einem Dorf im Allgäu, wo er als Stadtjunge Außenseiter war und von seinen Mitschülern schikaniert wurde. Zurück in München war er plötzlich der Junge vom Land und wieder Außenseiter. Außer zwei Freunden in seiner Phantasie hatte er niemanden. Dafür waren Jumbo, den er sich groß und stark ausmalte, um ihn zu verteidigen und Fritz, der immer Ausreden parat hatte, einfach für ihn da. Ab seinem zehnten Lebensjahr ließ er von den beiden Phantasiegeschöpfen ab und stahl sich in die Welt der Bücher. Noch heute erinnert sich Mitgutsch an die Ängste und Sehnsüchte als Kind, die auch in seine Bücher einfließen. Er weiß, was Kinder lustig finden und setzt jene Situationen gekonnt und, aus den Augen einer Mutter und ihres Kindes, genial um.

© Ali Mitgutsch via kindergartenapp.de

 

Aus einfachen Bilderbüchern wird einfach Buchkunst.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *