Schöne abstrakte Malerei von Stefan teddynash via posterlounge.de

Deutschland und die Abstraktion – verteufelt und vergöttert

Nahezu jedes öffentliche Gebäude hat es. In großen Banken sieht man sie. Besonders in großen Bürogebäuden haben sie Konjunktur. Und auch in Krankenhäusern verwirrt sie gelegentlich Patienten – abstrakte Kunst in all ihren Variationen. Wenn sie dann aber in all ihrer Pracht dem Betrachter entgegenblicken – warum gibt es scheinbar nur zwei Entscheidungsmöglichkeiten, wie man solche Kunst bewertet? Wir haben uns auf die Suche gemacht und Interessantes entdeckt!
Betritt man heutzutage, wie übrigens auch bereits vor 10 Jahren, öffentliche Gebäude, so sieht man sie überall hängen. Abstrakte Kunst. In mehr oder weniger nennenswerter Qualtität (wer zum Teufel soll das eigentlich beurteilen?) laden sie den Betrachter entweder zu interessiertem Staunen ein, oder aber nicht. Beim letzteren kann man immer wieder engagierte Bürger dabei beobachten, wie sie verwirrt die Stirn in Falten legen, ein abschätziges Grunzen der Umwelt preisgeben oder gar Kommentare äußern, wie: „Eva, ich mal dir morgen ein paar Klekse auf ein Blatt Papier und dann verdienen wir Millionen.“ Die so angesprochene Dame wird in den meisten Fällen vermutlich abschätzig den Kopf schütteln oder sich dazu hinreißen lassen zu konstatieren, wie viel besser früher doch alles war. Wer jetzt auf den Gedanken kommt ich spräche von der Altersgruppe jenseits der 60, der liegt leider falsch. Es ist ein Phänomen, das man in Museen und Galerien der Gegenwartskunst mit großer Treffsicherheit bei jeder Altersgruppe beobachten kann! Aber, kann der oben zitierte Herr es denn nun wirklich? So ganz einfach mit ein paar Kleksen Millionen verdienen?
Nein, so einfach ist es wohl doch nicht! Im Zusammenhang mit abstrakter Kunst bedeutet es einfach von figürlicher Malerei wegzugehen und zu verallgemeinern. Da immer eine figürliche Form zu Grunde liegt, liegt immer auch ein Gegenstand vor, von dem abstrahiert wird. Diese dagegen spricht für sich selbst. Alles, was nicht figürlich, bzw. nicht von einer figürlichen Form abstrahiert wurde, ist eben gegenstandslos.
Abstraktion und Gegenstandslosigkeit wird in der Forschung gern auch als Nonfiguration bezeichnet – einfach, weil nichts figürliches im Bild mehr vorhanden ist – eine Entwicklung vom Speziellen zum Allgemeinen hin. Wegbereiter dieser Richtung sind vor allem : Wassily Kandinsky und Kasimir Malewitsch um 1915. Mit ihnen kommt die tiefere Idee der Abstraktion, wie sie in ihren Anfängen auch schon bei den Impressionisten und vielen Avantgardebewegungen zu erkennen ist, nicht nur nach Deutschland. Hier liegt keine politische Kunst zu Grunde, sondern eine spirituelle Fragestellung zur Malerei (Kandinsky), bzw. die Suche nach den Grenzen des Darstellbaren (Malewitsch). Vor allem Malewitsch radierte mit seinem „schwarzen Quadrat“ den Gegensatand aus dem Bild. Ganz im Sinne seiner Kunst ließ sich Malewitsch dann auch nach seinem Tod unter seinem größten Werk aufbahren.
Während unter der Herrschaft Hitlers viele Künstler entweder für die Nazipropaganda instrumentalisiert wurden, oder als „entartet“ verboten worden waren, sehnte man sich in den Jahren und Jahrzehnten nach 1945 stets nach einer unpolitischen Kunst. Dafür schien die abstrakte Kunst besonders geeignet, denn sie stellte oftmals weder politische Aussagen, noch provokative Bildthemen in den Fokus (zumindest auf den ersten Blick). Damit war sie für die Nutzung im öffentlichen Raum besonders beliebig geworden. Aus der Angst vor provokativen Bildthemen, beschränkte man sich auf die abstrakte Kunst. Sie war „einfach“, bequem und man sah weder Dinge, die man im öffentlichen Raum nicht sehen wollte (de facto kritische Kunst), noch Dinge, die man auf den ersten Blick hätte interpretieren können. Dass auch hinter der abstrakten Kunst Sinn stand, konnte man einfach unter den Tisch fallen lassen.
Dass viele dieser Kunstwerke nicht mehr auf den ersten Blick erfasst und interpretiert werden konnten (selbst in der alten Kunst ist eine solche Aussage schon strittig), sondern meist nur noch dann, wenn man sich tatsächlich auskannte,teilte nicht nur die Welt der Betrachter in drei Kategorien – nämlich in die der Kenner, der Pseudokenner und die der Laien -, sondern führte nun auch dazu, dass man heute nur verteufelt oder vergöttert. Avantgarde wollte über der Lebenspraxis stehen und, obwohl diese mit dem 2. Weltkrieg ihr Ende fanden, lebt in der abstrakten und gegenstandslosen Kunst auch heute noch ein Teil dieses Anspruches fort. Der Herr, der zu Eva spricht, ist also nur Ausdruck eines lang zurückliegenden Unverständnisses, dass in der selbst erklärten Ausnahmeposition des frühen 20. Jahrhunderts wurzelt. Schon damals traf die Kunst der Avantgarden und Künstler wie Henri Matisse auf Unverständnis und Ablehnung. Also beileibe kein neues Phänomen. Erst mit der kunstgeschichtlichen Forschung erklärte man moderne Kunst, und damit auch abstrakte und gegenstandslose Kunst zu einem herausragenden Kulturgut. Gott sei Dank! Ihr ist es zu verdanken, dass ein Stück Geschichte bewahrt wurde und Museen der Gegenwartskunst so beliebt sind wie nie.

Kasimir Malewitsch 1915 schrieb: „Erst wenn die Gewohnheit des Denkens verschwunden ist, in Bildern das Abbild von Winkelchen der Natur, von Madonnen und schamhaften Venus-Gestalten, werden wir ein rein malerisches Werk erblicken.“

Bei der abstrakten Kunst geht es um die Kunst als solche (l`art pour l`art) und nicht um Fragen nach Bedeutung und Interpretation. Gut, dass die abstrakte Kunst auch heute noch polarisiert und unzählige Menschen zusammenführt. Ein Hoch auf das Verteufeln und Vergöttern! Selten schafft man das heute noch so gewissenhaft außerhalb der Politik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *