Fritz Baumgarten / Titania Verlag

© Fritz Baumgarten / Titania Verlag

Die magische Traumwelt Fritz Baumgartens

Für Kinder hat die Weihnachtszeit etwas Magisches. Es passieren so viele unerklärliche und dabei wunderschöne Dinge – die Welt wird durch Schnee in eine märchenhafte Glocke gehüllt und vor Aufregung, ob der Weihnachtsmann denn die gewünschte Puppe oder das bestimmte Feuerwehrauto unter den Baum legt, gibt es schlaflose Nächte. Auch bei mir als Kind war die Weihnachtszeit wunderlich, im wahrsten Sinne des Wortes. Stand ich früh halb sieben auf und kam ins Wohnzimmer, lag dort auf unerklärliche Weise ein süßer Gruß vom Zwerglein. Kurioserweise haben den kleinen Kerl meine Eltern wohl noch zum Fenster hinein- und wieder hinaushuschen sehen – mir war das nie vergönnt. Dabei wollte ich immer wissen, wie so ein Wichtel aussieht. Eine rote Zipfelmütze hätte er aufgehabt, hieß es.

 

© Fritz Baumgarten / Titania Verlag via flickr.com

Spätestens seit dem Wochenende weiß ich es. Ja, das Zwerglein hat(te) eine rote Zipfelmütze auf dem Kopf, einen Bart im Gesicht und war ein zierlich-winziger kleiner Kerl. In einem kleinen charmanten Buchladen hier in Leipzig habe ich ihn gesehen, ihn und seine Kollegen. Die wichtigsten Gehilfen des Weihnachtsmannes arbeiten tief im Märchenwald in einem uralten, massiven Baumhaus, wo sie Holzwägelchen, Laufenten und Puppen bauen, den Weihnachstbaum schmücken und die Tiere des Waldes füttern. Und genau dort kommt der Weihnachtsmann hin, um seinen Sack zu füllen, mit den Wichteln anzustoßen und Weihnachten zu feiern.

 

Der Illustrator Fritz Baumgarten hat mich am Samstag in genau diese Welt entführt. Ich hielt sein „Weihnachtsfest im Wichtelland“ in den Händen und war plötzlich im Weihnachtsrausch. Und ich wusste, wer das ominöse Zwerglein mit den hübschen Kleinigkeiten war, das versuchte, mir die Wartezeit auf Weihnachten zu verkürzen oder zumindest zu erleichtern.

© Fritz Baumgarten / Titania verlag via flickr.com

 

Biographisch weiß man nicht viel zu dem Künstler Baumgarten. Er wurde 1883 bei Leipzig geboren, sein Vater war Buchbinder, sein Großvater Maler, woher sich sicher sein Talent und die Freude an Büchern vererbt hat. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Baumgarten aus Sicht der Großstädter Berlins in der Provinz, nämlich in Leipzig. Und trotzdem (oder gerade deswegen) kann er mit dem damals in Berlin ansässigen Fritz Koch-Gotha verglichen werden, dem Illustrator der bekannten Häschenschule. Nach einer Ausbildung zum Lithografen studierte er in Dresden und München Grafik, wurde in den Ersten Weltkrieg einberufen und durchlebte auch den Zweiten. 1926 heiratete er, bekam mit seiner Frau zwei Söhne. Der ältere starb bereits nach zwei Wochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte die Familie von Reichenbach, wo Baumgarten in einem Rüstungsbetrieb arbeitete, nach Leipzig zurück, wo er schon in den Zwanzigern einige Kontakte zu Verlagen unterhielt.

 

© Fritz baumgarten / Titania Verlag via flickr.com

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg erreichten seine Kinderbücher drei oder vier Auflagen mit 32.000 Exemplaren. Auch nach dem Krieg setzte sich der Erfolg fort. Baumgarten zeichnete sein Leben lang unentwegt und kreierte dabei s/eine besondere Traumwelt mit putzigen Wichteln, menschelnden Tieren und einer anheimelnden Atmosphäre, in der man sich gleich beim ersten Hinsehen geborgen fühlt. Die klobigen Pantoffeln der Zwerge, ihr langer weißer Bart, das schelmenhafte Gesicht, ihre viel zu kurzen Hosenbeine, die kleinen Jacken samt Kapuze sprechen ihre ganz eigene Sprache, die sich durch jeden Band durchzieht. Mit Baumgartens ganz eigener Schreibweise wurden die Tiere des Waldes, wie Hasen, Igel, Vögel zu ständigen Begleitern seiner Geschichten. In Baumgartens Traumwelt kann sich dabei noch heute Groß und Klein identifizieren und liebevoll aufgearbeitete Naturdetails entdecken.

 

© Fritz Baumgarten via one1more2time3.wordpress.com

Baumgarten verstand sein Handwerk. Seine Perspektive war immer exakt, die Bewegungen flüssig und die Zeichnung dabei farbenfroh. Er war sich in Darstellung, Farbgebung und Komposition sehr sicher und erschuf mit dieser Sicherheit nicht nur eine drollige Welt der Wichtel & Co, sondern auch seine unverkennbare Handschrift, die sich durch sein gesamtes Werk zieht. Sogar der Versautor der Häschenschule, Albert Sixtus, verfasste Reime zu Baumgartens Bilder.

 

1966, wenige Monate nach dem Tod seiner Frau, beging Baumgarten Selbstmord. Er hinterließ der Welt seine Traumwelt, die schöner und lebendiger nicht sein könnte und die bis heute Kinder (und ihre Mütter und Väter) einfach verzaubert.

© Fritz Baumgarten / Titania Verlag via flickr.com

 

Fritz Baumgarten, Lena Hahn
Weihnachtsfest im Wichtelland
2012, 24 Seiten, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Maße: 27,1 x 21 cm, Deutsch
Titania-Verlag

ISBN-10: 3864724058

 

Claudia Böttcher gefällt dieser Artikel

2 Gedanken zu “Die magische Traumwelt Fritz Baumgartens

  1. Hallo und guten Abend Frau Lenehan,
    als Sammlerin von Fritz Baumgarten mit einem nicht unbedeutenden Bestand an seinen Werken würde ich mich freuen, wenn Sie sich bei mir melden würden. Sein Werk enthält nämlich viel mehr als nur die Wichtelgeschichten. Auch hat er nicht nur Bücher illustriert, sondern auch Postkarten, Adventskalender und Karten- und Würfelspiele entworfen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ursula Jostock

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *