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Ben Wilson – Street Art Artist und Kaugummikünstler

Fast nichts ist schlimmer, als das klebrige weiße Zeug an seinen Schuhen festsitzen zu haben. Und immer wieder passiert es, dass man, am besten noch mit den Lieblingsschuhen, in den achtlos hingespuckten Kaugummi auf der Straße tritt. Ein wahrer Schlechte Laune – Macher!

 Kunst, die festsitzt

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Doch aus der hartnäckig klebenden Gummimasse wird Kunst kreiert – Kunst, die haften bleibt. In London legt sich seit acht Jahren jeden Tag, von Montag bis Freitag, von 9.00 bis 17.00 Uhr der Künstler Ben Wilson auf den Asphalt und verwandelt die grauen Schandflecke in kunterbunte Motive, die alle eine eigene Geschichte und Aussage haben. Mittlerweile ist er dafür bekannt wie ein bunter Hund, genauso sieht er bei seiner täglichen Arbeit auch aus: Auf seiner Isomatte kniet oder liegt er in den unterschiedlichsten Stadtvierteln, die Hose voller Farbsprenkel und wird immernoch gern für einen Obdachlosen gehalten, dem Sandwiches angeboten werden. Dabei kommt er leicht mit den Menschen ins Gespräch, erfährt ihre Geschichte, die er dann in seiner winzigen Kaugummikunst festhält. Oft kommen auch Passanten auf ihn zu und wünschen sich ein bestimmtes Motiv. Darüber führt Wilson Buch, da er nicht alles auf einmal umsetzen kann. Doch nach und nach gibt es dann die Wunschbilder zu entdecken – ein kleines Stück Lebensgeschichte von jedermann. Der Lieblingsfußballverein des Studenten oder aber eine Erinnerung an die verstorbenen Eltern einer Frau, vor deren Elternhaus Wilson gerade kniete- alles ist möglich.

 

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Ein Forum für das Leben hinter den Fassaden

Ben Wilson (*1963), der ursprünglich Kunst studiert hat und sein Studium aber ad acta legte, da er sich und sein Schaffen zu sehr analysiert fühlte, will mit einer Arbeit eine Bühne schaffen, ein Forum für Menschen und deren Geschichten. Zuerst war Wilson genervt von dem Müll und der Verschmutzung auf Londons Straßen. Wer will auch schon in ein Meer von Kaugummis jeden Tag blicken und das womöglich noch am Schuh oder durch diverse U-Bahn-Sitze an der Hose kleben haben. Dann fing er aber an, damit zu arbeiten, wodurch mittlerweile über 10.000 Bilder entstanden. Mit den Kaugummis habe er das Gefühl, etwas selbst verändern zu können – sie sind seine ganz eigene Art der Problemlösung. Und immer wenn er vor einem Haus kniet und seine Kunst erschafft, erfährt er auch etwas über das Leben hinter den Fassaden.

 

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Der Kaugummi an sich muss für Wilsons Kunst über ein Jahr schon an einem Stein kleben, dann ist er seine ideale, harte Leinwand, die er mit seinem Bunsenbrenner aufschmilzt, mit Lack besprüht und mit Acrylfarben bemalt. Da die Stadtreinigung von Zeit zu Zeit alle Kaugummispuren entfernt, sind schon viele von Wilsons Kreationen wieder verschwunden, aber er macht weiter. Auch die Polizei ist ihm bisweilen positiv gesinnt. Denn anders als bei Graffiti handelt es sich bei Wilsons Kaugummikunst nicht um die Beschädigung des öffentlichen Eigentums, da die Bilder mit dem Kaugummi entfernbar sind. Um seine Kunst aber haltbarer zu machen, löst Wilson bisweilen seine Bilder auch selbst vom Pflaster, schmilzt sie auf Folie und bemalt sie, um sie dann als Postkarten zu verteilen. Oder aber er vergrößert die Originale auf 30x30cm und verkauft sie auf Leinwand für 400 Pfund. Leben könne er davon nicht, dafür habe aber seine Lebensgefährtin, mit der er in einer Wohnung in den wunderbaren viktorianischen Häusern in einem Londoner Vorort zusammen lebt.

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Besonders in Großbritannien verwirklichen sich viele Künstler auf der Straße – Street Art ist zu einer ästhetischen Form der Anarchie geworden. Am berühmtesten ist sicherlich der Sprayer Banksy, dessen Werke weltweit bekannt sind. Und letztlich ist Street Art der Inbegriff von Schnelllebigkeit, eine Existenz in steter Gefahr potentieller Zerstörung, wie es Die Zeit schon so treffend betitelte.

London – Besuch geplant? Dann alle Augen auf den Boden….

 

 

 

 

Alexandra Rosendahl, Prinz Saint gefällt dieser Artikel

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