John William Waterhouse

© John William Waterhouse

Die Präraffaeliten – „Flaming June“ & „The Lady of Shalott“ – Ein Plädoyer für unbekannte Künstler

Die englische Künstlergruppe der Präraffaeliten vom Ende des 19. Jahrhunderts ist heute kaum jemandem ein Begriff – den allseits bekannten Jugendstil prägten sie aber nachhaltig.

Die Präraffaeliten – unbekannt & einflussreich
Die englische Künstlergruppe der Präraffaeliten ist heute nahezu unbekannt. Dass ohne diese Künstler der Jugendstil aber nicht denkbar gewesen wäre und die teils sehr exzentrischen Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts den Jugendstil nachhaltig beeinflussten, ist nicht nur interessant, sondern auch ein Grund einmal über scheinbar unbekannte Kunstströmungen und Künstler zu schreiben! Begeben wir uns also auf neue Pfade.

„Rejecting nothing, selecting nothing“ – Der Wille zum unbedingten Naturalismus
Drei Männer sind es, die im Jahr 1848 in England die Pre-Raphaelite Bewegung ins Leben rufen. Dante Gabriel Rosetti, Holman Hunt und John Everett Millais schließen sich in diesem Jahr zur wenig bekannten aber einflussreichen Künstlergruppe der Präraffaeliten zusammen, die schnell auch über England hinaus Anerkennung findet. Im Sinne der Forderungen des zeitgenössischen Kunstkritikers John Ruskin „Rejecting nothing, selecting nothing“, suchten Rosetti und andere Präraffaeliten eine Reform der Kunstauffassung umzusetzen. Man müsse die künstlerische Eingebung direkt von der Natur erhalten und alles bis in kleinste Detail naturalistisch festhalten. Diese Einstellung zur absoluten Naturtreue wurde nicht von allen Zeitgenossen unterstützt. Nicht nur die Royal Academy sperrte sich gegen die neue Künstlergruppe, sondern auch berühmte Persönlichkeiten wie Charles Dickens ließen kein gutes Haar an dieser „modernen“ Kunstauffassung. Tatsächlich ist eine Modernität der Präraffaeliten auszumachen, was für einigen Wirbel und Zündstoff sorgte. Die Künstler schrieben sich nicht nur eine naturalistische Malweise auf die Fahne, sondern setzten gleichzeitig religiöse Bildthemen und eine solche Bildpsrache und Metaphorik ein. Im anglikanisch geprägten England war eine naturalistische Darstellung des Göttlichen undenkbar. Erst mit John Ruskin fanden die Präraffaeliten einen einflussreichen Unterstützer. Seine Briefe, die in der „Times“ veröffentlicht wurden, trugen maßgeblich dazu bei, dass sich das Ansehen der neuen Künstlergemeinschaft verbesserte.

Flaming June“ & „The Lady of Shalott“ – Die Verflechtungen des Künstlers im Gewebe der Welt
Als Vorbild dazu diente zunächst die Kunst der Vorläufer des italienischen Meisters Raffael. Schnell aber begann man sich aber einen eigenen Ausdruck und Stil anzueignen, der diese künstlerischen Bewegung auf dem Weg der Moderne zu etwas besonderem machte. Wie schon Hans Sedlmayr formulierte, litt die Gesellschaft und Kunst etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts an einem „Verlust der Mitte“. Technik und Naturwissenschaften förderten täglich neue Erkenntnisse über Welt und Natur zu Tage und auch der Beginn der Psychoanalyse, die mit einer Verlagerung zum Individuum und eigenen Selbst einherging, verunsicherte die Menschen. Der Bruch mit den alten Traditionen wurde offenbar und nicht mehr zu verhindern. Aber wo und wie waren neue Wege zu finden? Besonders in der Kunst machte man sich so auf die Suche nach dem Ich, dem Künstler oder nach neuen künstlerischen Ausdrucksweisen. Die Präraffaeliten setzten sich vor allem über ihre mythologischen und biblischen Bildthemen mit diesem „Bruch“ des traditionellen Künstlerbildes auseinander. Die Kunst als wirklichkeitsverändernde Kraft wurde im Bild reflektiert und damit auch die Stellung des Künstlers in der Welt. Die bekanntesten Bilder der Präraffaeliten sind dabei „Flaming June“ von Frederic Lord Leighton, „Ophelia“ von John Everett Millais, sowie „The Lady of Shalott“ von John William Waterhouse. In ihnen ist das Verwobensein des Künstlers im Gefüge der Welt und der Natur besonders deutlich zu erkennen. Während Millais dies mit der Darstellung der leblosen Ophelia im Fluss darzustellen vermag, drückt Waterhouse dies durch die künstlerische Interpretation des Gedichtes „The Lady of Shalott“ von Lord Tennyson aus. Die webende Dame vom See, die durch einen Zauber auf einer Insel mitten im See festgehalten ist, dazu verdammt die Geschehnisse der Welt in einen Tuch zu weben, stellt DIE Metapher der präraffaelitischen Künstler dar. Das Weben als kreative Tätigkeit auf der einen Seite, sowie die „Lady of Shalott“ als Allegorie des Künstlers, bringen die Auseinandersetzung der Maler mit ihrem eigenen Tun und ihrem Platz in der Welt eindrucksvoll zum Ausdruck. Es sind existenzielle Fragen, die die Künstler mit einem akribisch anmutenden Naturalismus bemüht sind zu lösen. Wie aber Ophelia und Die Lady von Shalott ist der Künstelr im Gefüge der Welt und der Natur fest verwurzelt. Naturalismus also als Antwort auf den Bruch mit den Traditionen? Allein man selbst mag vielleicht eine Antwort auf diese Fragen finden.

Leighton House – Ein Ort der Exzentrik?
Die Künstler selbst jedenfalls waren mit Exzentrik und allerlei anderen Eigenarten stets darum bemüht mit traditionellen Bildern zu brechen. Nicht nur die Frauenmodelle sind ein Ausdruck dessen, sondern oftmals auch die Umstände der Künstler selbst. Frederic Lord Leighton lebte den Anspruch der künstlerischen Selbstinszenierung auf besondere Weise aus.Das heute noch zu besichtigende Leighton House, mitten in London, vermittelt vermutlich den besten Eindruck des Leightonschen Zeitgeistes. Während Eingangshalle und Untergeschoss orientalisch mit Mosaiken und Springbrunnen verziert sind, und Salon und Speisezimmer mit antiken Möbeln und Kornleuchtern aus Buntglas und Wandbezügen in rot und grün gestaltet wurden, nimmt sich das Schlafzimmer spärlich und karg aus (was wohl Freud dazu gesagt hätte?). Absolut eindrucksvoll auch das Atelier des Künstlers, der sich selbst in seinem Refugium inszenierte. Farbenfroh, voll von Plastiken, eigenen Skizzen und Kunstwerken. Lebendig, tiefsinnig, teils melancholisch. Man fühlt sich wie in eine andere Zeit versetzt. Vor dem Auge des Betrachters tauchen lebhaft Maler und „flaming June“ auf. Leighton House harmoniert perfekt mit der bevorzugten Farbigkeit der charakteristischen Gemälde und ist so auch eine kunsthandwerkliche Umsetzung des präraffaelitischen Gedankens. Ausdrucksstark und vor allem exzentrisch ist der Rückzugsort Lord Leightons. Die normale Welt passte nicht zu den Präraffaeliten.

Präraffaeliten und Jugendstil
Stil und Ausdrucksmittel der Künstelrgruppe gelantgten vor allem über das Kunsthandwerk und …Morris nach Deutschland. Nicht nur Aspekte der Farbigkeit, auch Mythologie und Verrätselung des Menschen in der Natur wurden übernommen und umgesetzt. Bildthemen und Aspekte der Gestaltung wurden also in neue künstlerische Strömungen transportiert. Der Jugendsstil, sowie die berühmten Bilder von Alfonse Maria Mucha wären ohne die Präraffaeliten nicht denkbar. Was wäre Mucha ohne die „flammende Juno“ von Leighton? Nur gut also, dass Künstler wie John William Waterhouse mit Werken wie „The Lady of Shalott“ den mutigen Schritt zum Bruch mit der Tradition wagten und sich auch durch Legenden wie Charles Dickens nicht einschüchtern ließen. Ohne sie wäre die Kunst der (Vor?)Moderne um vieles ärmer!

Mein Tipp für einen Besuch der Metropole London: Lassen Sie den Tower und überteuerte Stadtrundfahrten aus! Besuchen Sie die kostenlosen! Museen Londons, wie die Tate Britain. Hier finden Sie die umfangreichste Sammlung präraffaelitischer Werke. Und auch Leighton Haus ist, abseits der ausgetretenen Touristenpfade, wohl einer der Höhepunkte auf Ihrer Erkundungstour.

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