Roberto Bernardi

© Roberto Bernardi

Fotorealismus – die Bilder von Bildern

Schon einmal ein Foto betrachtet, ohne zu wissen, dass es gar keins ist?  Klingt verwirrend? – War es für uns auch noch vor einigen Tagen, als wir die kürzlich zu Ende gegangene Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen unter die Lupe nahmen. Dabei entdeckten wir auf den ersten Blick gestochen scharfe und brillante Fotografien, wahre fotografische Stillleben. Auf den zweiten Blick wurde uns bewusst: Die Fotografien sind Ölgemälde, täuschend echt und zum Verwechseln ähnlich mit einem Foto. Die Strömung nennt sich Fotorealismus und hatte ihren Ursprung schon in den 60igern in Amerika.

 

© David Parrish

Ganz ungeniert und offen nutzen Anhänger des fotorealistischen Malens die Fotokamera oder auch generell Fotovorlagen für ihre Kunst. Diese werden dann mit anderen technischen Hilfsmitteln, wie Diaprojektoren per Airbrush oder auch per Rasterung von der Wand auf Leinwand übertragen. Akribische Kleinstarbeit ist genau dabei angesagt. Die Künstler jedoch koppeln diese Akribie mit ihrer Interpretationsfreude, so dass das Resultat des, wie es böse Zungen salopp nennen könnten,  ‚Malens nach Zahlen’ ein vollends ausgereiftes Gemälde darstellt.

Genau darin liegt wohl auch die Besonderheit jener Kunstströmung, die immer wieder vielschichtig diskutiert und auch verschrien wird: Ihre Wirklichkeitsnähe, ihre Präzision schließen keine Interpretationsräume aus, ganz im Gegenteil. Der Fotorealismus verbindet malerische Handwerklichkeit mit einer neuen künstlerischen Freiheit.

 

© Richard Estes

 

Dass die Künstler dazu stehen und dass es ein wichtiger Teil ihrer Kunst ist, Vorlagen zu verwenden und diese so originalgetreu wie möglich nachzuarbeiten, galt in den 60iger Jahren als Tabubruch. Es war ein Skandal, nach Vorlagen zu malen. Die Zeitungen und Kunstkritiker zerrissen sich das Maul über die Dilettanten, also über die sogenannten Künstler. Das Know How, das ein Maler haben muss, um beispielweise ein Glas als echtes Glas abzubilden und dessen Oberfläche so glänzend und glatt darzustellen, dass es wirklich „echt“ aussieht, wurde gar nicht erst betrachtet. Vielmehr wurde sich noch über die Offenheit echoviert, mit der die Fotorealisten zu ihren Methoden standen und diese offen darlegten. Dabei gelang es ihnen so, die Dinge des Alltags in die Kunstwelt hineinzubringen und sie durch wunderbar erschaffene Lichtmomente erstrahlen zu lassen – womit wir wieder bei deren Handwerk wären…

 

© Charles Bell

 

Schon Ernst Ludwig Kirchner hat nach fotografischen Vorlagen gearbeitet, an sich war dies keine Neuerung. Doch die Ergebnisse waren neu. Noch in den 60iger Jahren stießen fotorealistische Arbeiten nur auf Desinteresse, was allerdings die Documenta 5 änderte. Das avantgardistische Potential setzte sich ab 1972 international durch. Vielleicht auch aus dem Grund, dass das Publikum, die Menschen, die sich weder der Kunst noch deren Kritik verschrieben hatten, die Strömung so positiv aufnahmen. War es doch endlich wieder eine Kunstrichtung, die die Menschen verstehen konnten, die nicht „abgehoben“ war. Wichtige Fotorealisten der Anfänge, wie sie gerade noch in Tübingen gezeigt wurden, waren John Baeder, Robert Bechtle, Charles Bell, Tom Blackwell, Chuck Close, Robert Cottingham, Don Eddy, Richard Estes, Audrey Flack, Franz Gertsch, Ralph Goings, Gus Heinze, John Kacere, Ron Kleemann, Richard McLean, Jack Mendenhall, David Parrish, John Salt oder Ben Schonzeit.

 

© Ralph Goings

 

Alltäglichkeiten finden sich in und als Kunst wieder: Richard Estes’ Telephone Booths, was auch in Tübingen on display war, zeigt beispielsweise ein verwirrendes Spiel aus Durchsichten und Spiegelungen auf den gläsernen und metallischen Oberflächen des New Yorker Großstadtlebens. Honda ist eine brillante Nahsicht auf den Motorblock der legendären Honda CL450 Scrambler, die David Parrish Anfang der Siebziger kreiert hat. In Ralph Goings’ Airstream verfängt sich das pulsierende Licht der Wüstenlandschaft in einem alten Campingwagen – fast so, als wäre man eigens dabei gewesen.

 

© John Kacere

 

Die Ausstellung wird demnächst in Madrid und Birmingham zu sehen sein!

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