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Richard Artschwager: Möbel, die keine Möbel sind

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Vor einigen Tagen starb Richard Artschwager an den Folgen eines Schlaganfalls. Der Maler und Bildhauer wurde 89 Jahre alt. Der Amerikaner galt als einer der bedeutungsvollsten Vertreter des Minimalismus mit Ausstellungen auf der Documenta Kassel, im Berliner Guggenheim Museum, dem Pariser Centre de Pompidou und noch bis vor einigen Tagen im New Yorker Whitney Museum.

Was für mich Artschwager erst so interessant macht, ist sein von Kurven und Umwegen geprägtes Leben. Er war der Sohn zweier Immigranten, einem deutschen Vater, der Botaniker war und an der Cornell University ausgebildet wurde. Dorthin folgte ihm Artschwager auch, um Naturwissenschaften und Mathematik zu studieren. Er wollte nie Künstler werden. Der erste künstlerische Einfluss jedoch kam von seiner Mutter, einer russischen Künstlerin. Bevor Artschwager seine naturwissenschaftliche Ausbildung abschloss, landete er 1944 bei der Armee und kämpfte in Europa bei der Ardennenoffensive mit. Leicht verwundet wurde er in die Spionageabwehr nach Wien versetzt, wo er zum ersten Mal heiratete. Nach dem Krieg beendete er in den USA sein Studium und beschloss kurioserweise, Künstler zu werden.

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Art is useless-looking, ist activity or production to no purpose, certainly not to make a living.

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Nebenbei aber, und das scheint das Faszinierende an Artschwager zu sein, verlor er aber nie den Boden unter den Füßen und unterstützte seine Familie immer, einmal als Bankangestellter, dann als Tischler. Letztlich muss es wohl so gewesen sein, dass er zuerst solide Möbelstücke schreinerte, bis er sich als Künstler gegen die Funktion der Einrichtung entschied und Kunst fabrizierte. Doch auch dorthin gelangte er durch einen Schicksalsschlag, da Ende der 50iger seine Werkstatt abbrannte. So kehrte er zur Kunst vollends zurück und eröffnete seine allererste Ausstellung in New York. In der Folge konnte man Artschwagers Skulpturen und Bilder neben denen Andy Warhols und Roy Lichtensteins bewundern, 30 Jahre blieb seine Kunst in der Castelli Gallery in New York, wo er 1965 sein Debüt gab.

 

Seine politischen Ansichten spiegelten sich meist wenig in Artschwagers Kunst. Doch nach dem 11. September 2003 malte er drei Porträts im gleichen Format, die nebeneinander gezeigt werden müssen: Eines zeigt einen ausdruckslosen Präsidenten George W. Bush, auf dem anderen grinst Osama Bin Laden und das dritte verkörpert sicherlich Artschwagers persönliche Einstellung, ist er doch darauf zu sehen: Hager und mit grimmigem Gesichtsausdruck.  Allessagend, aber ohne den typischen Zeigefinger, dafür aber mit der gehörigen Portion Sarkasmus und Witz. Brillant.

There isn`t any art until some creature sees and consumes it. And has a reaction.

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Artschwagers berühmteste Skulptur stellt eine Kreuzung zwischen Pop Art und Minimalismus dar, sein „Table with Pink Tablecloth“ von 1964. Letztlich ist die Skulptur eine Box aus Respal gebaut, um das Bild eines Holztisches zu erzeugen. Die pinkfarbene Tischdecke ist darauf drapiert, ohne eine wirkliche Tischdecke zu sein. Artschwager war bekannt für seinen Materialmix, der doch eigenartig anmutete. Dekor Laminat, Hartfaser- oder Dämmstoffplatten waren sein gängigster Untergrund, auch in der Malerei. Denn laut Artschwager war die Zeichnung schon da, sie sei in dem Papier. Und das Papier spreche zu uns, noch bevor die Zeichnung entstanden ist. Sein Kunstverständnis baute auf der Reaktion des Betrachters auf, im Grunde genommen war Kunst für ihn nutzlos, ohne nutzlos zu sein. Und dieser Widerspruch spiegelte war ganz normal für ihn, denn Kunst, so erklärte er, sei keine Sprache, in der Kunst dürfe es Widersprüche geben.

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Für Artschwager lag der Anspruch, die Dinge umzudrehen. Eine Skulptur könne man anfassen, das Gemälde ansehen, er aber strebte es an, eine Skulptur zum Ansehen und ein Gemälde zum Anfassen zu machen. Und genau das ist ihm geglückt – Skulpturenkunst von Möbeln, die als solche nicht benutzbar sind, die jeglicher Funktion enthoben wurden.

Sculpture is for the touch, painting is for the eye. I wanted to make a sculpture for the eye and a painting for the touch.

 

 

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